2009 war für die 234 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg ein „gutes, entspanntes Jahr“. „Unsere Gruppe hat sich als Pfeiler der Stabilität bewährt“, betonte Präsident Gerhard Roßwog vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes. Das Kreditgeschäft ist stärker gewachsen als das Einlagengeschäft, Liquidität ist reichlich vorhanden, das Eigenkapital wurde auf fast 10 Mrd. Euro gestärkt und die Risikosituation war entspannt. Roßwog forderte, in der Bankenaufsicht jetzt scharf zwischen systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Banken zu trennen. Für Großbanken müsse es einen kräftigen Eigenkapitalzuschlag geben, um die Risiken zu zähmen, die von ihnen für den Staat ausgehen. Er regt einen Runden Tisch für das Verbraucherrecht an. „Die Verbraucher sollen davon profitieren, aber wir wollen auch Bürokratie abbauen.“
Die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg gehen sehr zuversichtlich in das Jahr 2010. „2009 war ein Jahr der Entspannung nach der Finanzkrise. Wir haben es genutzt, um unser Eigenkapital weiter zu stärken. Damit können wir den Aufschwung finanzieren, weil wir stark im Eigenkapital sind und in der Liquidität. Und wir sind für wachsende Kreditrisiken gerüstet“, sagte Roßwog am Mittwoch in Stuttgart.
Es sei gut, dass die Finanzkrise den Blick auf die unterschiedlichen Geschäftsmodelle der Banken und Bankengruppen geschärft habe. „Die Volksbanken und Raiffeisenbanken brauchen keinen Schirm, sie belasten den Landes- oder den Bundeshaushalt nicht und sie sind mit voraussichtlich
272 Mio. Euro aus dem Jahresergebnis 2009 gute Steuerzahler geblieben. Das alles zeigt, dass eine Genossenschaft über die Förderung ihrer Mitglieder hinaus Nutzen für die Gesellschaft stiftet.“
Roßwog hob hervor, dass die Mitgliedschaft die Volksbanken und Raiffeisenbanken an die Menschen und die mittelständischen Unternehmen ihrer Region bindet und sie fest in der regionalen Wirtschaft verankert. Daraus resultiere eine Refinanzierung der Volksbanken Raiffeisenbanken aus vielen kleinteiligen Kundenanlagen. „Mit diesen Einlagen finanzieren die Volksbanken Raiffeisenbanken eine Vielfalt von Investitionen in der Region, deren Risiko sie aufgrund der Nähe zu den Kunden zuverlässig beurteilen können.“
Jetzt über 3,3 Millionen Mitglieder – Gold-Karte macht Mitgliedschaft täglich erlebbar
Das Vertrauen in das genossenschaftliche Geschäftsmodell drücke sich auch in einem weiteren Zuwachs der Mitgliederzahlen aus, sagte Roßwog. Über 3,3 Millionen Menschen sind jetzt Mitglied einer genossenschaftlichen Bank in Baden-Württemberg (+ 0,8 %).
Mit einem neuen Projekt machen die Volksbanken und Raiffeisenbanken die Mitgliedschaft täglich erlebbar. Über 1 Million Mitglieder sind bereits mit der neuen goldenen VR-Bankcard Plus für Mitglieder ausgestattet. Über diese Karte können sie zusätzliche Vorteile bei örtlichen Händlern in Anspruch nehmen. „Das gibt der Mitgliedschaft einen Mehrwert und stärkt die örtliche Wirtschaft“, unterstrich Roßwog. Rund 1.500 Einzelhändler vieler Branchen oder Gastronomen nehmen bereits an dem Programm teil (www.vr-bankcardplus.de). Eine kostenlose App für das I-Phone sorgt dafür, dass auch auf Reisen alle Vorteile ausgeschöpft werden können. Nach der erfolgreichen Pilotphase in Baden-Württemberg wird die Mitgliederkarte im Jahr 2010 auf das Bundesgebiet übertragen.
Spargelder: Gewaltige Umwälzungen
Die Kundeneinlagen der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg haben 2009 um 1,8 Prozent oder 1,6 Mrd. Euro auf 90,2 Mrd. Euro zugenommen. „Wir sind sehr zufrieden damit, dass die Gelder, die auf der Suche nach Sicherheit im Oktober 2008 den Volksbanken und Raiffeisenbanken zugeflossen waren, immer noch in ihren Bilanzen stehen und dass weitere Spargelder dazu gekommen sind“, sagte Roßwog.
Hinter dem ruhigen Geschäftsverlauf verbergen sich gewaltige Umbrüche. 8,4 Milliarden flossen zusätzlich auf die Geldmarktkonten (+ 28,5 %), die damit 42 Prozent aller Kundeneinlagen ausmachen. 6,8 Milliarden wurden zusätzlich als Spareinlagen verbucht (+ 27,0 %), wovon Spareinlagen mit einer Kündigungsfrist über drei Monaten weit überdurchschnittlich profitierten. Die Entwicklung ging vor allem zu Lasten der Termingelder, die um
11,4 Mrd. Euro abgebaut wurden (- 42,0 %).
Kreditgeschäft: 18 Prozent mehr Kredit für das Baugewerbe
Die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg haben ihren Kunden 67,9 Mrd. Euro geliehen und bürgen für 4,6 Mrd. Euro. Die Kundenforderungen nahmen um 2,1 Prozent zu, das addierte Kundenkreditvolumen um 2,0 Prozent auf 72,4 Mrd. Euro.
Die Kreditnachfrage konzentrierte sind ganz auf langfristige Kredite
(+ 3,5 %). Die Kredite flossen besonders stark in Investitionen für den Wohnungsbau (+ 3,5 %). Privatpersonen fragten mehr Kredite nach (+ 2,3 %) als Unternehmen (+ 1,2 %).
Roßwog stellte heraus, dass vor allem das Baugewerbe sehr lebhaft Kredite beansprucht hat. „Ein Plus von 18 Prozent zeigt, dass unsere Gruppe bereitsteht, wenn neue Geschäfte finanziert werden sollen, wie sie hier durch die Konjunkturprogramme angestoßen werden.“ Die Kredite an Unternehmen des Maschinen- und Fahrzeugbaus nahmen um 3,9 Prozent zu, an die Landwirtschaft wurden 2,5 Prozent mehr Kredite vergeben.
„Der Mittelstand hat bei den Volksbanken Raiffeisenbanken Kredit“
„Unsere Stärke im Eigenkapital und unsere Liquidität geben uns Spielraum für weitere Kredite im zweistelligen Milliardenbereich“, stellte Roßwog für die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg heraus. „Das System der Kreditvergabe läuft wie gewohnt, der Mittelstand hat bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken Kredit.“
In Krisenzeiten sei eine offene und vorausschauende Kommunikation zwischen Firmenkunde und Hausbank besonders wichtig. „Wenn wir einen Kunden schon über Jahre hinweg begleitet haben, geht die Bank in der Krise wirklich bis an die Grenze des Vertretbaren.“
Unredlich sei es aber von Kreditklemme zu sprechen, wenn der Kreditnehmer nicht bereit ist, den Preis zu zahlen, der dem Risiko des Kredits angemessen ist. „Die Volksbanken und Raiffeisenbanken verleihen nicht das Geld von Herrn Trichet oder von Herrn Schäuble, sondern das Geld ihrer Sparer in der Region. Dafür tragen sie die Verantwortung. Die nachhaltige Kapitaldienstfähigkeit war und ist das entscheidende Kriterium der Kreditvergabe. Ist sie nicht gegeben, beschädigt das Projekt die finanzierende Bank genauso wie den Kreditnehmer.“
Ertragslage: Ein entspanntes Jahr
Als „Jahr der Entspannung“ bewertete Roßwog das Jahr 2009 hinsichtlich der Ertragslage der Volksbanken und Raiffeisenbanken. „Der Zinsüberschuss hat zugenommen, während die Risiken abgenommen haben“, charakterisierte er die wesentlichen Faktoren.
Maßgeblich war auf der Einnahmenseite, dass sich die Zinsstrukturkurve wieder normalisiert hat, sodass langlaufendes Geld teurer war als kurzlaufendes. Durch diese Normalisierung nahm der Zinsüberschuss auf 2,7 Mrd. Euro (+ 15,4 %) zu. Der Provisionsüberschuss ging leicht auf 807 Mio. Euro zurück. Gleichzeitig konnten die Verwaltungskosten mit 2,5 Mrd. Euro stabil gehalten werden. Im operativen Geschäft wurde damit ein Betriebsergebnis vor Risiko von 1.121 Mio. Euro (+ 32 %) erzielt. Dies entspricht 0,91 Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme.
Diesem operativen Ergebnis standen 2009, saldiert betrachtet, nur geringe Risiken gegenüber, berichtete Roßwog, „der zweite Teil der Entspannung“. Die Risiken im Kreditgeschäft haben sich nach dem Tiefpunkt des Vorjahres wieder auf den langjährigen Normalstand eingependelt. Die Risikovorsorge bei den Wertpapieranlagen, die im Jahresabschluss 2008 wegen der Verwerfungen an den Kapitalmärkten gebildet werden musste, konnte aber 2009 zu einem Gutteil wieder aufgelöst werden. Durch diese Sondersituation kletterte das Betriebsergebnis nach Risiko um 218 Prozent von 236 auf 750 Mio. Euro, ein „Ausdruck unseres nachhaltigen Geschäftsmodelles und einer soliden Risikopolitik“.
„Wir nutzen dieses außergewöhnliche Jahr 2009, um uns für die Krise der Realwirtschaft zu stärken“, unterstrich Roßwog. „Die zweite Welle der Krise kommt 2010 in Form von Unternehmensinsolvenzen und Kreditausfällen auf die Banken zu.“ Deshalb sei 2010 mit einem weiteren Anstieg der Kreditrisiken zu rechnen, während die Wertpapieranlagen keinen positiven Risikobeitrag leisten werden. Roßwog sieht aber keine dramatische Entwicklung. „Wir kennen Unternehmensinsolvenzen und Kreditausfälle als typische Spätfolgen von Wirtschaftskrisen; wir haben gelernt, damit umzugehen und rechtzeitig Vorsorge zu treffen. Dafür gibt es Früherkennungssysteme in unseren Banken und vor allem ein kräftiges Eigenkapitalpolster.“
Die Gruppe im Überblick
Die 234 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg weisen zum 31. Dezember 2009 eine Bilanzsumme von 124 Mrd. Euro (+ 2,4 %) aus. Die Zahl der genossenschaftlichen Banken hat sich durch Fusionen um acht verringert. Sie unterhalten 3.097 Bankstellen (- 0,8 %), in denen 24.181 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind (- 0,6 %, umgerechnet auf Vollzeit-Stellen).
Finanzkrise: „Noch kein Sicherheitsnetz in Sicht“
Ein tragfähiges Sicherheitsnetz für das internationale Finanzsystem ist noch nicht in Sicht. „Wir sehen Ablenkungsmanöver und Machtkämpfe, aber keine Konzepte, die die großen Risiken zähmen“, kritisierte der baden-württember¬gische Genossenschafts-Präsident Gerhard Roßwog. „Die Erpressbarkeit der Staaten ist noch größer geworden, weil große Banken durch die Krise noch größer geworden sind.“ Die indirekt gegebene Staatsgarantie verleite dazu, wieder hohe Risiken einzugehen, um hohe Gewinne zu erzielen.
Systemrelevante und nicht-systemrelevante Banken scharf trennen
„Wir brauchen als erstes eine scharfe Trennung in systemrelevante und nicht-systemrelevante Banken“, unterstrich Roßwog. Ungleiches dürfe nicht länger über einen Kamm geschoren werden. „Wir fordern, dass sich die Bankenaufsicht konsequent am Grundsatz der Risikoorientierung ausrichtet.“ Dabei gehe es einerseits um die Größe von Banken und andererseits um ihr Geschäftsmodell.
Systemrelevante Banken umfassend regulieren
„Systemrelevante Banken muss der Staat, egal wo auf dieser Welt, auch in Zukunft auffangen. Sie können deshalb auf Chance spielen, weil sie das Risiko des Scheiterns nicht kennen. Das ist für die kleineren Wettbewerber ein gewaltiger Nachteil“, sagte Roßwog. Es müsse deshalb nach Ansätzen gesucht werden, wie die systemrelevanten Banken an den Lasten der Finanzkrise beteiligt werden können.
Um den Staat und den Steuerzahler zu schützen, müssten systemrelevante Banken aber auch umfassender reguliert werden als kleine Banken, forderte der Genossenschafts-Präsident. „Das gilt in allererster Linie für solche Kapitalmarktgeschäfte, die nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben. Mit intransparenten Geschäften haben sich die Banken an der Finanzkrise angesteckt; sie waren der Träger des Risikos.“ Roßwog wies darauf hin, dass in diesen Banken oft Eigengeschäfte dominieren und die Hälfte oder gar drei Viertel der Bilanzsumme ausmachen.
Für eine wirksame Regulierung der systemrelevanten Banken sieht Roßwog drei Ansatzpunkte: „Wir brauchen Transparenz auf den Derivatemärkten, wir brauchen nachhaltige Vergütungsstrukturen und wir brauchen schärfere Eigenkapitalanforderungen für Großbanken.“
Regulierung I: Derivatemärkte
„Derivate dürfen grundsätzlich nur noch über eine zentrale Clearing-Stelle bzw. ein zentrales Transaktionsregister abgewickelt werden. Es muss geprüft werden, ob daraus eine Art Börse entwickelt werden kann“, verlangte Gerhard Roßwog. Die außerbörslich gehandelten Derivate, zum Beispiel Kreditderivate (OTC-Derivate für „over the counter“), gelten als Infektionsherd der Finanzkrise. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel spricht davon, dass das Volumen an OTC-Derivaten im 1. Halbjahr 2009 um 10 Prozent auf 605 Billionen US-Dollar zugenommen hat.
Transparenz könne nicht hoch genug bewertet werden. „Dann ist Schluss mit der Mauschelei zwischen einzelnen Unternehmen, die Billionen von Buchwerten schaffen, ohne dass Klarheit besteht, wie werthaltig diese Derivate sind.“ Eine Börse mache die Risiken transparent; sie zeige, wie viele dieser Papiere es gibt, bei welchen Instituten Risiken konzentriert werden und wie sich ihre Bewertung verändert.
Regulierung II: Vergütungsstrukturen
Nach der Überzeugung von Roßwog würde diese Transparenz, die eine Derivate-Börse schafft, auch das Problem der Boni-Zahlungen zu einem großen Teil erledigen. „Die exorbitante Höhe von Gehaltszahlungen zeigt doch, dass in diesen Bank unangemessen viel Geld verdient wird, dass aus der Realwirtschaft zu viel Geld abgezogen wird. Jeder Volkswirt lernt, dass der Gewinn um so höher ausfällt, je intransparenter die Märkte sind.“ Wenn eine Börse den Großbanken die Funktion des Marktmachers wegnehme, werde die Quelle unmäßiger Einnahmen und unmäßiger Boni-Zahlungen trockengelegt.
„Ansonsten ist mir wichtig, dass Boni tatsächlich nach der Leistung bezahlt werden, nicht als garantierter Gehaltsbestandteil. Sie müssen mittelfristig ausgerichtet sein, also nicht an einem einzelnen Jahresabschluss.“ Grundsätzlich seien Leistungsanreize wichtig, unterstrich Roßwog, die variablen Gehaltsbestandteile dürften aber kein Übergewicht bekommen. „Wir sind bei den Vorständen unserer Volksbanken und Raiffeisenbanken in der Regel bei einem Anteil der variablen Einkünfte von 10 bis 20 Prozent.“
Regulierung III: Mehr Eigenkapital für systemrelevante Banken
Die Eigenkapitalausstattung der systemrelevanten Banken werde heute ihrem Geschäftsmodell und ihrer Risikolage nicht gerecht, kritisierte Roßwog. Die Finanzkrise habe einen Systemfehler von Basel II offenkundig gemacht. Basel II verlange, für den Kredit an den Mittelständler grundsätzlich 8 Prozent Eigenkapital zu unterlegen, für ein Triple-A-geratetes US-Zertifikat müsse dagegen weit weniger Eigenkapital unterlegt werden. Das sei eine „elementare Fehlsteuerung“ von Basel II, die es ermöglicht habe, dass sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft lösen konnte. „Wir fordern deshalb für systemrelevante Banken einen kräftigen Aufschlag auf das Eigenkapital zusätzlich zu der Beteiligung an den Lasten der Finanzkrise.“
Regulierung IV: Eigenkapital für Kreditrisiken passt - Roßwog warnt vor Machtkampf
Alle Banken haben in den Konjunkturkrisen immer wieder gezeigt, dass sie mit den Risiken aus Krediten an die Realwirtschaft umgehen können, unterstrich Roßwog. „Die Eigenkapitalregeln nach Basel II haben sich für Kredite an Unternehmen bewährt.“ Mit 4 Prozent Kernkapital und 8 Prozent Eigenmitteln insgesamt, gemessen an den gewichteten Risiko-Aktiva, seien diese Risiken angemessen abgesichert.
Das Eigenkapital ist die Baustelle, auf der sich Roßwog Sorgen macht. „Hier tobt der Machtkampf zwischen den Banken, die für die Realwirtschaft da sind, und den Finanzmarktbanken, für die das Kundengeschäft Nebensache ist.“ Wer undifferenziert nach Größe und undifferenziert nach Geschäftsmodell an der Eigenkapitalschraube drehen wolle, der betreibe Machtpolitik, statt die Hausaufgaben der Finanzkrise zu lösen. „Das geht zu Lasten der Realwirtschaft und zu Lasten der Institute, die für die Realwirtschaft da sind“, warnte Roßwog. „Wer hier diskutiert, will nicht die Risiken zähmen, sondern den Regionalbanken schaden.“
Roßwog verwies in diesem Zusammenhang auf die „exzellente Eigenkapitalausstattung“ der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg. „Unsere Gruppe bringt in Baden-Württemberg 9,6 Mrd. Euro (+ 1,3 %) an Eigenmitteln auf die Waagschale. Dahinter steckt eine Kernkapitalquote von 12,5 Prozent, die sogenannte Gesamtkennziffer nach der Solvabilitätsverordnung beträgt 14,6 Prozent.“
Roßwog zeigte sich zufrieden damit, dass der Baseler Ausschuss in seinem Konsultationspapier vom Dezember 2009 die Geschäftsguthaben der Volksbanken und Raiffeisenbanken als Kernkapital grundsätzlich anerkennt, obwohl sie kündbar sind. Die von Basel für notwendig erachteten Satzungsänderungen bei den Banken lehnt er dagegen strikt ab. „Genossenschaftsanteile haben wirtschaftlich betrachtet ihre Stabilität auch in Krisenzeiten bewiesen und sie sind ordnungspolitisch Ausdruck der genossenschaftlichen Idee. Wir werden uns gegen Reglementierungen, die aus den internationalen Rechnungslegungsstandards kommen, massiv zur Wehr setzen.“
Regulierung V: Nicht-systemrelevante Banken sorgen für sich selbst
Der Genossenschafts-Präsident betonte, dass die Unterscheidung in systemrelevante und nicht-systemrelevante Banken von großer Tragweite ist. „Für die einen haftet letztendlich der Steuerzahler, die anderen organisieren sich in Selbsthilfe und tragen allein für sich Verantwortung. Dazu stehen wir, wir beweisen seit vielen Jahrzehnten, dass wir das können.“ Dies bedeute zum Beispiel, allein verantwortlich für die Sicherungseinrichtung der Gruppe zu sein. „Die Sicherungseinrichtungen von systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Banken vermischen zu wollen, wäre absurd. Wir stehen nicht für Spekulationsblasen an den Finanzmärkten gerade.“
„Für das Risiko, das wir damit dem Staat abnehmen, möchten wir auch anders reguliert werden“, betonte Roßwog. „Es geht darum, die Unterschiede in den Geschäftsmodellen und die Unterschiede im Risikogehalt richtig im System der Bankenaufsicht zu verankern.“
Anlegerschutz: „Bei uns gibt es weder eine Finanzkrise noch eine Beratungskrise“
Das Vertrauen der Menschen in die Banken ist durch die Finanzkrise massiv erschüttert worden, sagte Gerhard Roßwog. Bundesweit hat im April 2009 jeder zweite gesagt, dass sein grundsätzliches Vertrauen in die Banken sehr stark beeinträchtigt ist. Rund ein Viertel aller Kunden beklage, dass sie Geld durch Kursverluste bei Aktien oder Fonds verloren haben. Hier liege die wesentliche Ursache für die öffentliche Kritik an der Beratungsqualität von Banken. Von den Vertrauensverlusten sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken kaum berührt, unterstrich der Genossenschafts-Präsident. „Es gibt bei uns weder eine Finanzkrise noch eine Beratungskrise.“ Das nachhaltige, regionale Geschäftsmodell der Volksbanken und Raiffeisenbanken und die damit verbundene Kundennähe hätten sich nicht nur in den Bilanzzahlen, sondern auch im Kundenvertrauen bewährt.
„Wir wollen Spitze sein in der Beratungsqualität“
„Die Volksbanken und Raiffeisenbanken wollen Spitze sein in der Kundenberatung. Unsere Gruppe hat dafür ganzheitliche Konzepte, wir überwachen die Qualität laufend durch Kundenbefragungen und Testkäufe und wir bilden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich weiter.“
„Unsere genossenschaftlichen Grundwerte verpflichten“
Das Geschäftsmodell einer Bank sei auch für ihr Verständnis von Beratung wesentlich, unterstrich Roßwog. „Volksbanken und Raiffeisenbanken sind Genossenschaften, die ihren Mitgliedern, den Menschen hier in der Region gehören. Deshalb stehen wir für eine aufrichtige und verlässliche Beratung und für eine ganzheitliche Sicht auf die individuellen Fragen unserer Kunden. Unsere genossenschaftlichen Grundwerte verpflichten uns zu einer langfristig angelegten Kundenbeziehung.“
„Wir beraten nicht provisionsgetrieben“
Aufgrund ihres Geschäftsmodells und ihres nachhaltigen Beratungsansatzes fühlen sich die Volksbanken und Raiffeisenbanken von Vorwürfen nicht angesprochen, die Banken würden provisionsgetrieben beraten, betonte Roßwog. Durch die eigenen Produktlieferanten wie zum Beispiel DZ Bank, Bausparkasse Schwäbisch Hall oder Union Investment, die Zertifikate, Bausparverträge oder Aktienfonds liefern, sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken in ihrer Auswahl für den Kunden völlig frei. „Für den Kunden kommt es immer darauf an, aus einer großen Palette von Möglichkeiten nach seinen individuellen Zielen auszuwählen.“
Natürlich bekommen die Volksbanken und Raiffeisenbanken auch eine Provision, wenn sie zum Beispiel einen Aktienfonds der Union vermitteln, ergänzte Roßwog. „Diese Provision fließt an die Bank, nicht an den einzelnen Berater. Auch das Wertpapierhandelsgesetz gesteht ausdrücklich zu, dass Provisionen die Qualität der Beratung verbessern können. Mit dieser Provision bezahlen wir die Beratungskosten, die in der Bank anfallen. Sonst müsste bereits die Beratung etwas kosten, wie beim Arzt oder dem Steuerberater, aber das akzeptieren die Kunden nicht. Da muss sich niemand Illusionen machen.“ Die gesamten Provisionserlöse der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg aus dem Verbund machen nicht einmal 10 Prozent ihrer Einnahmen aus.
Qualitätskontrolle und Weiterbildung
Die Qualität ihrer Beratung lassen die Volksbanken und Raiffeisenbanken individuell vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband kontrollieren, berichtete Roßwog. „Wir haben seit 15 Jahren Erfahrungen mit Kundenzufriedenheitsanalysen, die schriftlich und anonym erhoben werden. Seit drei Jahren führen wir im Auftrag unserer Banken auch Testkäufe durch, wobei wir ausschließlich Tester mit einer Bankausbildung einsetzen, die wissen, worauf sie achten müssen.“
Im Jahr 2009 habe der Verband für die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg für 15 Banken 26.498 Kunden befragt. Diese Kunden haben ihrem Berater bzw. ihrer Beraterin im Schnitt die Schulnote 1,63 gegeben. Die Noten für die Beratung in Geldanlagen und bei der privaten Altersvorsorge liegen vor und nach der Finanzkrise besser als Note zwei. Nur bei der Wertpapierberatung wird ein Einfluss der Finanzkrise erkennbar. 9.938 befragte Kunden haben ihr im Herbst 2009 die Note 2,07 gegeben; im Jahr 2007 lag die Durchschnittsnote bei 1,89. Bei 94 Testkäufen im Jahr 2009 wurde die Durchschnittsnote 2,1 erteilt. „Auf diesen Bewertungen ruhen wir uns nicht aus, aber sie bestätigen unseren Kurs“, resümierte Roßwog. „Wir spornen unsere Banken an, auf dem Gebiet der Beratungsqualität weiterzugehen, indem wir jedes Jahr einen Award für die höchste Kundenzufriedenheit verleihen.“
„Die Fach- und Sozialkompetenz der MitarbeiterInnen im Kundenkontakt hat für die Qualität der Beratung einen sehr hohen Stellenwert“, ergänzte der Genossenschafts-Präsident. Der BWGV biete durch seine Akademie eine Fülle von Weiterbildungsmöglichkeiten überbetrieblich oder firmenindividuell an. „Im Jahr 2009 haben 6.310 Mitarbeiter unserer Volksbanken und Raiffeisenbanken 14.714 Seminartage absolviert, um speziell ihre Beratungskompetenz zu erweitern.“ Bei diesen Beratungstrainings steht immer die ganzheitliche Beratungsphilosophie der Volksbanken Raiffeisenbanken im Mittelpunkt. Die Weiterbildung wird oft durch eine gemeinsame Zertifizierung zum Beispiel mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen abgeschlossen.
Roßwog regt Runden Tisch für das Verbraucherrecht an
Roßwog plädierte dafür, beim Verbraucherrecht mehr miteinander als übereinander zu reden. „Es ist Zeit für einen Runden Tisch aller Beteiligten, Verbraucherverbände, Politiker und Banken, um nach vernünftigen Regelungen zu suchen.“
„Die Verbraucher sollen davon profitieren“, unterstrich der Genossenschafts-Präsident. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken hätten das Interesse, ihre Beratungskompetenzen weiterzuentwickeln und an der Spitze der Qualitätsbewegung zu bleiben. Ihr Ziel sei es aber auch, in beiderlei Interesse das Bürokratie-Monster zu zähmen und überzogene Vorschriften abzubauen.
24. Februar 2010

