Keine Spuren der Wirtschaftskrise spüren die badischen Winzergenossenschaften; der Sektverkauf kletterte sogar auf einen neuen Rekordstand. Der Gesamtumsatz wurde auf 256 Mio. Euro leicht gesteigert. − Die Winzergenossenschaften bekommen einen ganz hervorragenden, exzellenten Weinjahrgang 2009 mit Öchsle-Graden weit über dem Durchschnitt in die Keller. In dieser Woche soll ein weiteres Drittel des Jahrgangs geerntet werden. Er wird etwas kleiner als im Vorjahr. − Genossenschafts-Präsident Gerhard Roßwog hat nachdrücklich davor gewarnt, die Kulturlandschaft in Baden-Württemberg auf dem Altar des freien Marktes zu opfern. Die EU dürfe den Anbaustopp für Reben nicht aufheben.
Die badischen Winzergenossenschaften steigerten ihren Umsatz leicht auf 256 Mio. Euro (+ 0,7 Prozent). Der Sektabsatz kletterte sogar auf einen neuen Rekordwert. „Unsere regionalen Spezialitäten und die Vielfalt unserer Rebsorten sorgen für Stabilität.“
Ausschlaggebend für die gute Marktentwicklung waren bessere Preise, die am Markt erzielt werden konnten. Dahinter standen aber nicht nur Preiserhöhungen, unterstrich Roßwog, sondern auch höhere Qualitäten, die der Verbraucher honoriert. Dies drückt sich darin aus, dass der Anteil der Dreiviertel-Liter-Flaschen weiter auf über 52 Prozent zunahm.
Weiß- und Grauburgunder bleiben Aufsteiger
Der mit Abstand wichtigste Umsatzträger der badischen Winzergenossenschaften bleibt der Spätburgunder mit über 46 Prozent Anteil, davon entfällt ein rundes Viertel auf Rosé- bzw. Weißherbstweine. An zweiter Stelle steht mit gut 13 Prozent der Müller-Thurgau, der aber weiter an Stellenwert verliert. Aufsteiger bleiben Weiß- und Grauburgunder, die im vergangenen Geschäftsjahr einen vollen Prozentpunkt auf 17 Prozent vom Umsatz zulegten. Die gute Verbrauchernachfrage nach diesen Weinen sorgt schon seit Jahren für Zuwächse. „Diese Entwicklung stärkt das Burgunder-Profil von Baden“, betonte Roßwog.
„Die Sektkorken knallen wie noch nie“
Mit 86,8 Mio. Liter haben die badischen Winzergenossenschaften der Menge nach 2,4 Prozent weniger Wein verkauft als im Vorjahr. Dies macht im Vergleich zur Umsatzentwicklung deutlich, dass die Wertschöpfung erhöht werden konnte. Vom Gesamtverkauf entfallen 85 Prozent auf Flaschenweine und 11 Prozent auf Offenwein.
Der Verkauf von Sekt und Perlwein hat zwar nur einen Anteil von 2,9 Prozent, aber er signalisiert das Gegenteil von Krisenstimmung. „Die Sektkorken knallen wie noch nie“, sagte Roßwog. Die badischen Winzergenossenschaften steigerten ihren Sektabsatz im Geschäftsjahr um 4,7 Prozent auf den neuen Rekordstand von über 3,3 Millionen Flaschen. Der Umsatz mit Sekt und Perlwein legte sogar um 5,2 Prozent auf den neuen Höchststand von 14,3 Mio. Euro zu, ein Anteil von 5,6 Prozent am Gesamtumsatz.
„Das Endverbrauchergeschäft weiter stärken“
Der mit Abstand wichtigste Vertriebsweg bleibt der Handel mit 73 Prozent Umsatzanteil. An Privatkunden wird nach wie vor jede fünfte Flasche Wein direkt verkauft. „Das Privatkundengeschäft ist ein Bereich mit einer besonders hohen Wertschöpfung“, betonte Roßwog. „Unsere besonderen Weine müssen an der Theke erklärt werden.“ Er zeigte sich zuversichtlich, dass hier noch weiterer Boden gegenüber Auslandsweinen gutgemacht werden könne. Der Genossenschafts-Präsident würdigte in diesem Zusammenhang die Förderung des Landes Baden-Württemberg für das Endverbrauchergeschäft in Form der Baden-Württemberg-Classics. „Die neuen Classics in Duisburg haben sehr gut eingeschlagen.“ Er plädierte dafür, konsequent die Chancen an neuen Standorten auszuloten. „Ich setzte dabei auf die weitere Unterstützung des Landes.“
„Den Spätburgunder klarer profilieren“
„Wir müssen unsere Marktchancen konsequent nutzen“, unterstrich Gerhard Roßwog. „Das heißt, sich mit den Erwartungen des Kunden auseinanderzusetzen und ihnen entgegenzukommen.“ Das gelte besonders für den Spätburgunder als Hauptrebsorte in Baden.
Zusätzliche Chancen für den Spätburgunder sieht Roßwog vor allem in einer leicht erkennbaren Profilierung der Weine im Lebensmittelhandel. „Der Verbraucher hat dort in der Regel niemanden, den er vor dem Einkauf fragen kann. Aber er muss in der Flasche das wiederfinden, was er erwartet, sonst kauft er beim nächsten Mal einen anderen Wein. Der Verbraucher weiß ganz genau, was er will.“
Deshalb gelte es, die unterschiedlichen Ausbaumöglichkeiten dieser vielseitigen Rebsorte klar herauszuarbeiten. Es gebe beim Spätburgunder im Wesentlichen zwei Kundentypen, die auf unterschiedliche Dinge Wert legen. „Für sie brauchen wir ausdrucksstarke Weine, die entweder leicht, mild und fruchtig sind oder kräftig mit ausgeprägtem Geschmack nach dunklen Beeren.“ Diese Differenzierung müsse dem Verbraucher kurz und prägnant auf der Flasche vermittelt werden. Natürlich müsse sich das neue Profil in der Marketingstrategie der neuen badischen Weinwerbung wiederfinden.
Der Jahrgang 2009: Exzellente Qualitäten kommen in die Keller
Fruchtige, stoffige und harmonische Weine sind zu erwarten
Die badischen Winzergenossenschaften bekommen einen ganz hervorragenden, exzellenten Weinjahrgang 2009 in die Keller. Ein knappes Drittel der Trauben dürften im Landesschnitt jetzt im Keller sein, sagte Gerhard Roßwog in Vogtsburg. „In dieser Woche könnte ein weiteres Drittel geerntet werden.“ Ungewöhnlich sei in diesem Jahr, dass jetzt viele Rebsorten gleichzeitig reif werden und parallel gelesen werden müssen.
„Die Öchsle-Grade liegen weit über dem Durchschnitt. Der Müller-Thurgau, der gelesen ist, kommt überall im Durchschnitt in den Prädikatsweinbereich, die Burgundersorten bringen bereits deutlich über 90 Grad auf die Öchsle-Waage.“ Allerdings seien die Öchsle-Grade nicht der einzige Qualitätsmaßstab, auch auf die Inhaltsstoffe des Weines komme es an. „Und auch hier passt alles.“
Die Trauben seien außerordentlich gesund und hätten Dank der abwechslungsreichen Witterung besonders viele Mineralstoffe eingelagert. Die grünen Rebblätter lassen die Trauben in den Weinbergen weiter reifen und machen herausragende Spitzenqualitäten bis zur Beerenauslese möglich, betonte Roßwog. Der Verbraucher dürfe sich auf sehr fruchtige, stoffige und harmonische Weine des Jahrgangs 2009 freuen.
Die Natur meint es 2009 gut mit den Qualitäten und auch mit der Menge. Die Burgundersorten, weiße wie rote, werden die ursprünglichen Mengenerwartungen aber eher nicht erfüllen, umso besser steht es um ihre Qualität. Der Spätburgunder wird dichte Rotweine mit einem hohen Potenzial hervorbringen, ist Roßwog überzeugt.
Er erwartet mit rund 95 Mio. Liter eine etwas geringere Erntemenge als im Vorjahr (99,4 Mio. Liter). Lediglich am Bodensee ist aufgrund der massiven Hagelschäden mit großen Ausfällen zu rechnen.
Beispiel Oberbergen
„Mit dieser Qualität hat keiner gerechnet.“ Auch Rolf Hofschneider, geschäftsführender Vorstand der Winzergenossenschaft Oberbergen eG, zeigt sich begeistert über den Jahrgang 2009. In Oberbergen ist der Müller-Thurgau bis auf die hohen Lagen gelesen und hat Trauben mit durchschnittlich über 80 Öchslegraden gebracht, liegt also ganz im Prädikatsweinbereich. Weißer, Grauer und Spätburgunder sind an den ersten Lesetagen mit durchschnittlich über 90 Grad Öchsle in den Keller gekommen. Hofschneider ist überzeugt, dass die Trauben für die Oberbergener Selektionsserie „TT“ in den kommenden zwei Wochen mit über 105 Grad Öchsle noch in den Auslesebereich hineinreifen.
Roßwog übt scharfe Kritik am europäischen Weinrecht:
„Kulturlandschaft nicht auf dem Altar des freien Marktes opfern“
„Die Europäische Union riskiert, in ganz Europa Kulturlandschaften zu zerstören, die in Jahrhunderten gewachsen sind.“ Die Idee, jeder dürfe Rebstöcke pflanzen, wo er gerade wolle, sei absurd. Mit dieser harschen Kritik wies der baden-württembergische Genossenschafts-Präsident Gerhard Roßwog das Vorhaben der EU zurück, den Anbaustopp für Reben im Jahr 2015 aufzuheben.
Wären die Rebanpflanzungen freigegeben, würden Flächen bald brach liegen, die schwer zu bewirtschaften sind. „Das trifft vor allem die Steillagen.“ Die Kulturlandschaft in Baden-Württemberg würde sich gravierend verändern. „Und dann stirbt als nächstes der Tourismus.“
„Wein ist keine normale Ware. Wer ihn den gleichen Spielregeln unterwerfen will wie ein beliebiges Industrieprodukt, der hat jede Bodenhaftung verloren und ist in eine Scheinwelt des unbegrenzten Wettbewerbs entrückt. Unsere Kulturlandschaft darf nicht auf dem Altar des freien Marktes geopfert werden.“
„Wein ist Vielfalt“, unterstrich Roßwog, „ist die Vielfalt von Landschaften, von Rebsorten, von Genüssen. Wein ist Lebensart.“
„Was wir brauchen, ist eine neue Phase der Flurbereinigung. Sie muss dafür sorgen, dass der Weinbau in seinen angestammten Lagen bleibt, aber dass die Bewirtschaftung der Weinberge weiter erleichtert wird.“ Darauf sei vor allem der Winzer im Haupterwerb, aber auch im Nebenerwerb angewiesen.
„Starkes Marketing ist unverzichtbar“
„Deutschland ist der viertgrößte Weinmarkt und der weltgrößte Importmarkt. Deshalb ist ein aktives und exzellentes Marketing für den deutschen und den badischen Wein existenziell wichtig.“ Dazu gehörten schlagkräftige Organisationen, unterstrich Roßwog.
Er stellte die 2008 neu gegründete Badische Wein GmbH heraus. In der neuen Gemeinschaftswerbung Badens sitzen Winzergenossenschaften und Weingüter in einem Boot, um mit freiwillig finanzierten Maßnahmen die Dachmarke „Badischer Wein“ bekannter zu machen, die erreichte Qualität dem Kunden zu kommunizieren. „Ich rufe alle in Baden auf, daran mitzuarbeiten.“
Auf nationaler Ebene nehme der Deutsche Weinfonds die Aufgabe des gemeinschaftlichen Marketings wahr. „Ich weiß, dass die Finanzierung des Weinfonds durch Pflichtabgaben der Weinwirtschaft auf dem verfassungsrechtlichen Prüfstand steht.“ Darüber dürfe aber nicht vergessen werden, dass die deutsche Weinwirtschaft auf eine derartige Einrichtung nicht verzichten kann. „Unsere internationalen Wettbewerber auf dem deutschen Markt tun dies aus gutem Grunde auch nicht. Wir haben unseren Genossenschaften deshalb den Rat gegeben, zum Weinfonds zu stehen.“
Neues Bezeichnungsrecht ist Risiko und Chance
Das neue Bezeichnungsrecht für Wein schaffe eine neue Vielfalt von Möglichkeiten. „Sie sind für den Verbraucher schwer zu verstehen.“ Desto größer sei die Herausforderung an die badischen Winzergenossenschaften, durch hohe Qualität, ein klares Profil und durch ein starkes Marketing den Verbraucher zu den Weinen zu führen, die er sucht. „Woran erkennt der Verbraucher zukünftig Qualität? Das ist die Kernfrage.“
Ein Risiko sieht Roßwog einerseits darin, dass zukünftig auch einfache Weine als Deutscher Wein mit Rebsorte und Jahrgang ausgezeichnet werden dürfen. Andererseits biete das neue Recht die große Chance, neue starke Marken zu schaffen, auf der Ebene einer Genossenschaft, aber auch auf überbetrieblicher Ebene. Die Herausforderung für die Genossenschaften und die Weinwirtschaft in Baden insgesamt heiße nun, im kommenden Jahr die neuen Möglichkeiten auszuloten und sich auf gemeinsame Konzepte zu verständigen. „Dabei können Weinprofile, wie wir sie für den Spätburgunder diskutieren, eine wichtige Rolle spielen.“ Mehr denn je sei aber auch jede Winzergenossenschaft gefordert, sich selbst als Qualitäts-Marke zu profilieren.
Bildunterschrift:
Die badischen Winzergenossenschaften bekommen einen ganz hervorragenden, exzellenten Weinjahrgang 2009 mit Öchsle-Graden weit über dem Durchschnitt in die Keller. Friedrich Schill, Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Oberbergen im Kaiserstuhl, liest Müller-Thurgau-Trauben in der Oberbergener Lage Baßgeige.
zu Bild 3: … - rückenschonend auf seinem Einbein.
Fotos honorarfrei28. September 2009


