43 Genossenschaften zeigen auf dem Kartoffelmarkt, was in einer Rechtsform steckt
Freiburg, 30. Juni 2009. Gesucht war der gemeinsame Nenner: zwischen dem Badischen Winzerkeller und der Volksbank, zwischen dem Erzeugergroßmarkt Südbaden und der Raiffeisenbank, zwischen dem Wohnungsbau und den badischen Friedhofsgärtnern.
"Ein unsichtbares Band hält sie zusammen, macht sie zum Teil einer großen Familie", erklärte Verbandsdirektor Herbert Schindler vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband am Dienstag anlässlich eines Pressegesprächs. "Es geht um die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft." Immerhin sei jeder dritte Einwohner in unserem Bundesland Mitglied einer Genossenschaft.
Genossenschaftstag am Samstag, 4. Juli
Am kommenden Samstag wollen 43 Genossenschaften aus Freiburg und Umgebung ihre Rechtsform erlebbar machen und einen Einblick geben, wer alles zu der großen genossenschaftlichen Familie gehört. Der "Genossenschaftstag" wird um 10 Uhr von Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon und Herbert Schindler auf dem Freiburger Kartoffelmarkt eröffnet. Bis 18 Uhr laden die elf Stände zum Besuch ein.
An den Ständen stellen sich vor: vier Volksbanken und eine Raiffeisenbank aus der Region, die ZG Raiffeisen, die Breisgaumilch, der Erzeugergroßmarkt Südbaden, die Genossenschaft Badischer Friedhofsgärtner, sowie eine Vielzahl von Winzergenossenschaften vom Kaiserstuhl und vom Markgräfler Land und der Badische Winzerkeller, ferner die Wohnungsbaugenossenschaften Familienheim Freiburg, Heimbau Freiburg-Teningen und Bauverein Breisgau sowie die Genossenschaft Haus und Garten. Am Stand des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes wird erläutert, wie sich schon ab drei Mitgliedern eine Genossenschaft gründen lässt.
Anlass: der Internationale Tag der Genossenschaften
Der erste Samstag im Juli ist der Internationale Tag der Genossenschaften, der auch von den Vereinten Nationen gewürdigt wird. Das ist der Anlass für den Genossenschaftstag in Freiburg, so Schindler. Stolz verweist Schindler auf die Botschaft von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum 4. Juli 2009. Der Generalsekretär betone, dass Genossenschaftsbanken die Folgen der Finanzkrise gemildert haben, weil sie die Geldvergabe ausgeweitet haben, als andere Finanzinstitute sie einschränken mussten. Die globale Gesundung durch Genossenschaften voranbringen heiße deshalb das UN-Motto für den 4. Juli, so Schindler.
Die Idee hinter der Rechtsform
"Immer heißt der genossenschaftliche Grundgedanke: Wir bündeln unsere Kräfte, um gemeinsam etwas zu bewegen, als Hilfe zur Selbsthilfe, um selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen." So beschreibt Herbert Schindler die Idee, die hinter der "eingetragenen Genossenschaft (eG)" steckt. "Selbstbestimmt, nicht fremdbestimmt ist der Wesenszug von Genossenschaften."
Eigenverantwortung und Selbstverwaltung seien die zwei großen Säulen jeder Genossenschaft. Die dritte Säule sei die Solidarität. "Ein Mitglied - eine Stimme" heiße das demokratische Grundprinzip. Das bedeute, dass sowohl "größere" wie "kleinere" Mitglieder, unabhängig von ihrer Kapitalkraft, gleichgewichtet sind, dieselben Rechte und dieselben Pflichten haben.
Im Zeichen der Globalisierung sei ein weiterer Aspekt von Bedeutung: Die Rechtsform der Genossenschaft schließe eine feindliche Übernahme aus. Strukturelle Veränderungen seien nur mit Dreiviertel-Mehrheiten möglich. "Dies verleiht unserer Unternehmensform eine große Stabilität." Stabil sei die Rechtsform auch im Vergleich: "Die Genossenschaft ist die insolvenzsicherste Rechtsform in Deutschland", betonte Schindler.
Genossenschaftsverband verzeichnet Gründungsboom
Der Genossenschaftsverband verzeichne in den letzten Jahren einen regelrechten Gründungsboom von Genossenschaften, sagte Schindler in diesem Zusammenhang. "Im Jahr 2008 konnte der Baden-Württembergi¬sche Genossenschaftsverband zusammen 18 junge Genossenschaften als neue Verbandsmitglieder begrüßen."
Die Überarbeitung des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 habe dazu wesentliche Impulse gegeben. Nun kann eine Genossenschaft über den wirtschaftlichen Auftrag hinaus auch auf die sozialen oder kulturellen Belange der Mitglieder ausgerichtet sein. Darüber hinaus wurden Regelungen eingeführt, die die Neugründung von Genossenschaften erleichtern.
"Die Schwerpunkte bei unseren Neugründungen liegen aktuell bei Ärzte-Genossenschaften und im Energiesektor. Das Thema Dorfladen bleibt aktuell. Auch im landwirtschaftlichen Bereich werden wieder Genossenschaften neu gegründet."
Volksbanken Raiffeisenbanken
Die genossenschaftliche Gruppe der Volksbanken Raiffeisenbanken charakterisierte Uwe Barth, Vorstandsmitglied der Volksbank Freiburg eG. Die genossenschaftliche Rechtsform, die Mitgliedschaft binde die Volksbanken und Raiffeisenbanken an die Menschen und an die mittelständischen Unternehmen einer Region, betonte Barth. "Volksbanken Raiffeisenbanken stehen im Dienste der Realwirtschaft in der Region, sie sind konsequent auf das Geschäft mit ihren Mitgliedern und Kunden in ihrem Geschäftsgebiet ausgerichtet." Dieses Geschäftsmodell habe sich im weltwirtschaftlichen Orkan der Finanzkrise hervorragend als nachhaltiges Geschäftsmodell bewährt.
"Wer das Sparaufkommen einer Region hier halten möchte oder neues Kapital hierher lenken will, braucht starke, regional ausgerichtete Banken. Nur wer den Interessen dieses Raumes durch die unlösbare Verankerung in der Region verpflichtet ist, investiert auch kontinuierlich in die Zukunft dieser Region", unterstrich der Freiburger Bankvorstand zum Profil seiner Gruppe.
In Baden-Württemberg gibt es 242 Volksbanken und Raiffeisenbanken mit zusammen 3.275.363 Mitgliedern. Das bedeutet: Jeder dritte Einwohner in unserem Bundesland ist Mitglied einer genossenschaftlichen Bank.
Raiffeisen-Genossenschaften
Werner Räpple, Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes und in zahlreichen genossenschaftlichen Gremien engagiert, zeigte auf, wer alles zur Gruppe der Raiffeisen-Genossenschaften zählt. "Für alle Märkte, auf denen sich Landwirte bewegen, haben sie Genossenschaften gegründet. Das gilt für die Vermarktung von Getreide und Milch, Obst und Gemüse, Wein und Vieh. Die Raiffeisen-Genossenschaf¬ten versorgen ihre Mitglieder aber auch mit Betriebsmitteln, z. B. Futtermittel, Düngemittel, Maschinen; sie bündeln die Nachfrage, um günstige Preise zu erzielen."
"Die genossenschaftliche Unternehmensphilosophie ist in der Landwirtschaft aktuell wie eh und je", unterstrich Räpple. Es gehe darum, die Kräfte gegenüber mächtigen, stark konzentrierten Partnern auf der anderen Seite des Marktes zu bündeln. "Die Genossenschaft ist der verlängerte Arm der Landwirte bis in die Regale des Einzelhandels hinein." Dabei bewahre sich der Landwirt ein Mitspracherecht. "Die ehrenamtlichen Vertreter der Landwirte im Vorstand und im Aufsichtsrat einer Genossenschaft bestimmen die Investitions-, Produktpolitik und Vermarktungsstrategie. Über die Rechnungslegung vor den Mitgliedern in der Generalversammlung und mit Unterstützung der genossenschaftlichen Prüfung sind Genossenschaften für ihre Mitglieder gläserne Unternehmen."
In Baden-Württemberg stehen 451 landwirtschaftliche Genossenschaften im Dienste ihrer Mitglieder. Rund 123.000 Landwirte aus dem ganzen Land sind als Mitglieder die Eigentümer dieser Genossenschaften.
Wohnungsbaugenossenschaften
Werner Eickhoff, geschäftsführender Vorstand der Familienheim Freiburg Baugenossenschaft, erläuterte die Besonderheiten der Wohnungsbaugenossenschaften. "Genossenschaftliches Wohnen wird oft als ,Dritter Weg' zwischen Eigentum und Miete bezeichnet", sagte Eickhoff. Es biete aufgrund des lebenslangen Wohnrechts die Sicherheit von Eigentum und sei dabei so flexibel wie ein Mietverhältnis.
Getreu den demokratischen Grundsätzen der Genossenschaften seien Mitglieder immer auch Miteigentümer und haben somit ein Mitbestimmungsrecht. "Diese Selbstbestimmung fördert den verantwortungsvollen Umgang mit dem genossenschaftlichen Gut und motiviert die Bewohner zu nachbarschaftlicher Solidarität." Im Mittelpunkt ihrer Geschäftstätigkeit stehe bei den Genossenschaften die Schaffung lebenswerter Wohnverhältnisse, ergänzte Eickhoff. Dazu gehörten faire Mietpreise ebenso wie moderne sanierte Wohnungen oder ein angenehmes Wohnumfeld. Sehr wichtig sei auch, dass die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft Schutz vor Ausverkauf und Eigenbedarfskündigung biete.
Die Freiburger Wohnungsbaugenossenschaften, Bauverein Breisgau eG, Familienheim Freiburg und Heimbau Freiburg-Teningen eG, haben einen Gesamtbestand von 8.900 Wohnungseinheiten und 22.500 Mitglieder. Das heißt, fast jeder 10. Freiburger ist Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft.
Gewerbliche Genossenschaften
Albrecht Schwerer, Vorstandsmitglied der Haus-und-Garten-eG in Kirchzarten, stellte die Gruppe der gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften vor. In dieser Gruppe sind vor allem Fach-Einzelhänd¬ler und Handwerker zusammengeschlossen. "Die Genossenschaften sind dort unentbehrlich, um die selbstständige Existenz des Mittelstandes zu sichern", betonte Schwerer.
Darüber hinaus gebe es eine große Vielfalt von Dienstleistungs- und weiteren Genossenschaften. "Gerade diese Vielfalt zeigt, wie die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft lebt, auf wie viele Bedürfnisse sie anzuwenden ist: auf Omnibusunternehmer und Fachübersetzer, auf Ärzte und Schulen, auf Designer und Reisebüros, auf Dorfläden, auf die Energieerzeugung und auf den Maschinenbau genauso wie auf Pflegeheime."
"Die Genossenschaft ist aber auch die passende Plattform, um soziale Verantwortung zu leben", unterstrich Schwerer. Dafür sei die Haus & Garten eG, Kirchzarten, gerade fünf Jahre alt, ein Beispiel. Die Genossenschaft ist aus einem Arbeitslosenprojekt der Diakonie Kirchzarten entstanden. Sie kümmert sich mit ihren zwei Beschäftigten um alles rund um Haus und Garten, um das Rasenmähen genauso wie um das Schneeräumen.
In Baden-Württemberg stehen 116 gewerbliche Genossenschaften, große wie kleine, lokale wie international aktive, im Dienste von 28.000 Mitgliedern.
30. Juni 2009


