Genossenschaften in Baden
Das Jahr 1858 gilt als das Gründungsjahr der ersten gewerblichen Kreditgenossenschaften in Baden. Damals entstanden drei Institute. Das Älteste ist die am 24. Februar als „Vorschussverein Carlsruhe“ gegründete heutige Volksbank Karlsruhe eG; nur einen Monat später entstand der „Heidelberger Vorschussverein“, die heutige H+G Bank Heidelberg Kurpfalz eG. Am ersten September jenen Jahres folgte schließlich der „Gewerbe- und Vorschussverein Ettenheim“, dessen Rechtsnachfolger mittlerweile in der Volksbank Lahr eG aufgegangen sind. Insgesamt gab es damals in ganz Deutschland 80 solcher Vorschussvereine mit über 10.000 Teilhabern.
Es war der Fabrikant und Kunsthändler Georg Friedrich Holtzmann, der den Mitgliedern des Karlsruher Gewerbevereins am 16. November 1857 die Idee vortrug, eine Vorschusskasse auf genossenschaftlicher Grundlage ins Leben zu rufen. Es fanden sich 90 Mitglieder zur Bildung eines vorbereitenden Komitees; sie bestimmten am 1. Februar 1858 einen Ausschuss für den Entwurf des Statuts. Schon am 24. Februar 1858 war die Konstituierung des „Vorschussvereins Carlsruhe“ perfekt - unter Vorsitz von G. F. Holtzmann. Der schrieb am 11. März an Hermann Schulze-Delitzsch und informierte ihn über die Karlsruher Gründung. Die erste, per 21. Juni 1859 erstellte Bilanz wies übrigens einen Gewinn von 215 Gulden aus - 50 Jahre später umfasste die Bilanzsumme bereits 12,1 Millionen Goldmark. Die unbeschränkte Haftung der Mitglieder für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft wird im März 1911 in eine beschränkte Haftung umgewandelt.
In Baden wurden auf Anregung des ersten Kreiswanderlehrers und späteren Initiators der ländlichen Genossenschaftsverbände, Maximilian A. G. Märklin, Spezialgenossenschaften nach den Ideen von W. Haas (mit der Trennung von Geld- und Warengeschäft) errichtet. Auf Anregung und unter Mitwirkung Märklins wurde am 16. Januar 1873 in Eggenstein (Lkrs. Karlsruhe) die erste ländliche Kreditgenossenschaft in Baden („Eggensteiner Darlehenscassen-Verein“) ins Leben gerufen. Als zweite Organisation im ländlichen Genossenschaftswesen Badens entwickelten sich in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts die landwirtschaftlichen Konsumvereine. Sie sind, beeinflusst von Wilhelm Haas, eigentlich nur in Hessen und Baden entstanden. Primäres Anliegen dieser Ein- und Verkaufsgenossenschaften (Bezugs- und Absatzgenossenschaften) war es, den Landwirten günstig deren Bedarfsartikel zur Verfügung zu stellen und beim Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse als Vermittler tätig zu werden. Die landwirtschaftlichen Konsumvereine breiteten sich in Baden rasch aus: 1889 gab es bereits 255, zur Jahrhundertwende waren es dann 470 Vereine.
Vor dem Hintergrund der damals stetig steigenden Zahl an so genannten Vorschussvereinen wurde der Wunsch und der Bedarf für eine engere Zusammenarbeit in den Regionen immer stärker. Schließlich regte der frühere Vorschussverein Meßkirch an, zur Behandlung dieses Themas eine Versammlung der oberbadischen Kreditgenossenschaften einzuberufen, die im Februar 1867 in Stockach stattfand. Über die Notwendigkeit eines eigenen Unterverbandes – zu jener Zeit leitete Hermann Schulze-Delitzsch mit der „Anwaltschaft deutscher Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ in Halle quasi den ersten Dachverband – bestand damals schnell Einigkeit. Zum Abschluss dieses Treffens wurde der Vorschussverein Konstanz als älteste oberbadische Bank mit der Ausarbeitung eines Verbandsstatuts beauftragt; gleichzeitig wurde Konstanz einstimmig zum „Vorort“ (Sitz) bestimmt.
Anfang August erschien dann im Anzeigenteil der Konstanzer Zeitung die „Einladung zum ersten Vereinstag der wirthschaftlichen Genossenschaften Oberbadens“ am Sonntag, 11. August 1867, im örtlichen Theatersaal. Einer der Teilnehmer dieses konstituierenden Verbandstags war übrigens der Genossenschaftspionier Hermann Schulze-Delitzsch. Annähernd zur gleichen Zeit war in Nordbaden der Vorschussverein Karlsruhe die treibende Kraft bei der Errichtung eines weiteren Verbandes. Inspiriert durch die Vorgänge in Konstanz, machte sich die Bank für die Gründung eines „Unterbadischen Genossenschaftsverbandes“ stark. Am 8. Dezember 1867 wurde dieser Verband dann von 14 Vorschussvereinen unter Leitung des Karlsruher Instituts aus der Taufe gehoben. In weiser Voraussicht übernahmen die Gründungsväter die Satzung des Konstanzer Schwesterverbandes im Wortlaut, so dass ein späteres Zusammengehen erleichtert wurde.
Die Fusion der beiden Bankenverbände zum „Verband der badischen Kreditgenossenschaften e.V.“ (Rastatt) folgte jedoch erst 54 Jahre später, am 1. Januar 1931. Nur sieben Jahre danach, am 31. Mai 1938, bündelte man die Kräfte mit dem 1906 gegründeten „Revisionsver- band gewerblicher Genossenschaften in Baden e.V.“ (Karlsruhe) zum „Badischen Genossenschaftsverband (Schulze-Delitzsch) e.V.“, Karlsruhe.
Auf landwirtschaftlicher Seite gründeten sich die ersten genossenschaftlich orientierten Verbände 1883 mit dem „Verband der badischen landwirtschaftlichen Konsumvereine“ (Karlsruhe) beziehungsweise 1884 mit dem „Verband der landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften im Großherzogtum Baden“ (zunächst Karlsruhe, ab 1911 Freiburg). Aus diesen Anfängen heraus entstand am 17. Mai 1957 der „Raiffeisenverband Baden e.V., Karlsruhe“.
Den bis dato bedeutendsten Meilenstein in der Geschichte des heimischen Genossenschaftswesens bildete schließlich die Verschmelzung der gut ein Jahrhundert getrennt arbeitenden gewerblichen und ländlichen Organisationen im Jahr 1971 zum „Badischen Genossenschaftsverband – Raiffeisen – Schulze-Delitzsch – e.V.“, Karlsruhe.
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